Wir haben hin und her überlegt, ob wir überhaupt noch in den Karijini Nationalpark (ca. 650km weit östlich) fahren sollten. Die Hitze und Aussicht auf knapp 38 Grad oder mehr und vermutlich viele Fliegen, sowie die Unsicherheit wegen möglicher überfluteter Straßen waren nicht gerade Ansporn. Aber der Karijini Nationalpark wird von vielen mit seinen Schluchten, welche die Trockensavanne mit kleinen Flussläufen durchziehen und seinen abenteuerlichen Wanderwegen als das Highlight Westaustraliens bezeichnet.
So bissen wir in den sauren Apfel und fuhren über 8h an einem Stück dorthin, 8h Klimaanlage ist schließlich auch ganz angenehm und das Fahren machte uns hier bisher eigentlich immer Spaß. Unterwegs gab es genau eine Tankstelle nach ca. 250km, das Nanutarra Roadhouse. Entsprechend hält gefühlt fast jedes Auto und jeder LKW, der die Straße fährt, dort. Ein Roadhouse ist Tankstelle, „Supermarkt“, Cafe, Restaurant, Motel, Campingplatz, Werkstatt in einem und ich finde die meisten Roadhäuser, die hier im Nirgendwo liegen haben echt Charme. Kaum vorstellbar, dass hier Menschen freiwillig leben, es gibt dort einfach nichts, noch nicht mal besonders schöne Natur, sondern nur weitläufige Savanne/Busch.
Große Flächen Australiens werden übrigens medizinisch durch die Luft durch den Royal Flying Doctor Service (R.F.D.S) versorgt. So tat sich unterwegs dieses Schild hier auf:
Viele Straßen oder Schotterpisten dienen zugleich als Landebahn. Der R.F.D.S kann mit 63 Flugzeugen an 21 Standorten theoretisch innerhalb von zwei Stunden jede Person in Australien erreichen.
Angekommen im Karijini Nationalpark waren wir von den angenehmen Temperaturen überrascht. Das Fliegenaufkommen hielt sich auch in Grenzen, ich glaube wenn keine gar keine Fliege da wäre, müsste man sich in Australien schon fast Sorgen machen, dass der Weltuntergang naht…
Wir campten die erste Nacht wieder auf einem sehr naturbelassenem Campingplatz ohne Duschen und ohne Strom nur mit Plumpsklos und unternahmen zwei Tage lang einige kleine Wanderungen.



Die meisten Wanderwege im Karijini Nationalpark sind eher kurz, dafür aber relativ intensiv, wie immer in Australien gut gekennzeichnet und mit viel Balancieren, sofern man nicht (unfreiwillig) schwimmen möchte.
Spider Walk (man geht wie eine Spinne entlang):

Oder durch enge, beeindruckende Schluchten auf rutschigen Steinen entlang hangeln:



An manchen Stellen lässt sich das Nasswerden jedoch nicht vermeiden:




Nach einer kleinen Kletterpartie entdeckten wir diesen schönen Pool:
Positiv ist, dass in den Schluchten meistens Schatten war, die Temperaturen waren auch nicht zu heiß. Uns hat es wirklich sehr gut im Karijini NP gefallen.
Entgegen unserer ursprünglichen Planung fuhren wir anschließend nicht direkt weiter Richtung Süden nach Perth, denn wir waren vor unserem Zeitplan und wollten noch mehr Outback-Luft schnuppern als ursprünglich geplant. Wir fuhren zunächst wieder die gleiche Strecke zurück und nächtigten beim Nanutarra Roadhouse (s.o.). Hier hatte die Buschfliege auch wieder Hochkonjunktur. Wir hatten die Wahl zwischen draußen essen im ewigen Kampf mit der Buschfliege, die am liebsten gerne zeitgleich mit dem Essen in den Mund geschaufelt werden möchte oder im Auto bei gefühlter Saunatemperatur. Wir entschieden uns für letzteres und ich ging danach ja eh duschen…
Exkurs Nr. 1 zum Thema Buschfliege: 2014 hatte sich ein Deutscher in Queensland bei einer Wanderung verlaufen und wurde erst nach 3 Wochen gefunden. Er hatte aus Pfützen getrunken und sich von Fliegen ernährt, dass das funktioniert, kann ich mir gut vorstellen, man sucht sich einen schattigen Baum und öffnet einfach den Mund.
Exkurs Nr. 2 zum Thema Buschfliege: Warum gibt es eigentlich so viele Fliegen in Australien? Ist es eine Plage? Es ist keine Plage, denn eine Plage kommt und geht, die Buschfliege ist aber immer da! Scheinbar gibt es keine Regel dahinter, wann und wo viele Fliegen sind, mal hat man Glück, mal Pech, es kann sich sehr schnell ändern. Die Buschfliegen gibt es schon seit Jahrhunderten in Australien, doch die Anzahl soll sich erst mit Ankunft der Europäer drastisch erhöht haben. Die Europäer brachten nämlich Rinder mit, die eine Menge Kuhfladen produzieren. Dort legt die Buschfliege besonders gerne ihre Eier drin ab, denn sie sind schön saftig und bieten ideale Bedingungen. Die weibliche Buschfliege, so heißt es, braucht zur vollständigen Entwicklung ihrer Eierstöcke Proteine, die sich in hoher Konzentration in tierischen/menschlichem Speichel, Tränenflüssigkeit, Nase, Blut befindet. Deshalb setzen sie sich dort, im Gegensatz zur europäischen Stubenfliege, besonders gerne hin. Mit den Rindern kamen leider keine Mistkäfer nach Australien (wie so oft in Australien, irgendwas wurde eingeschleppt und bringt alles durcheinander). Die lokalen Mistkäfer sind eher auf trockenen Känguru/Beuteltier Dung spezialisiert und können mit den saftigen Kuhfladen nichts anfangen. 30 Millionen Rinder betonieren jährlich eine Fläche halb so groß wie Hessen mit Kuhfladen zu, die nur langsam abgebaut werden. Aus diesem Grund hat man bereits mehrfach spezialisierte Mistkäfer nach Australien importiert, die mancherorts wohl auch schon Wirkung zeigen.
Exkurs Nr. 3 zum Thema Buschfliege: Als Aussie Salut wird das regelmäßige Herumwedeln eines Australiers mit einer Hand vor seinem Gesicht mit dem Zweck Fliegen zu verscheuchen, bezeichnet. Diesen Aussie Salut kann man wohl tatsächlich auch bei Reportern im Freien in Fernsehsendungen beobachten.
Um in den Genuss der Klimaanlage des Roadhouses zu kommen, gingen wir dann anschließend noch ein Bier dort trinken.
Von dem Nanutarra Roadhouse machten wir uns auf in das goldene Outback. Golden deshalb, weil früher in dem Bereich einige Goldminen waren. Wir lasen von einem „Wool Wagon Pathway“, eine ca. 3 Tage dauernde Strecke über Pisten durch das Outback. Bis vor ca. 100 Jahren hat man über diesen Weg Wolle in Karavanen mit großen Kamel-Wagen in Richtung Küste (Exmouth) transportiert, um sie nach London zu verschiffen.
Auf dem Weg des Wool Wagon Pathways gibt es hin und wieder Farmen oder Mini-Siedlungen, wo man auch übernachten kann.
Unseren ersten Zwischenstopp legten wir an der Lyndon Station ein:

Die Lyndon Station ist eine Vieh-Farm 3h von der nächsten Stadt entfernt, 90x50km groß, der nächste Nachbar ist 70km entfernt. Dort trafen wir überraschenderweise eine nette junge Frau aus Celle, die dort für 3 Monate als Köchin/Putzfrau arbeitet. Sie war sehr erfreut mal neue Gesichter zu sehen, es hatten sich in ihrer Zeit dort bisher nur mal ein österreiches Ehepaar dorthin verirrt. Auf der Lyndon Station lebt eine Familie mit 5 Kindern, inkl. einem behinderten Pflegekind der Aborigines. Neben der Deutschen (Name leider vergessen) ist noch ein Ehepaar aus den USA/Großbritannien momentan dort. Die Frau unterrichtet die Kinder, die normalerweise on air, über das Internet wie viele Kinder in entlegenen Gebieten in Australien unterrichtet werden. Zudem gibt es einen Känguru-Shooter, jemand der den ganzen Tag nichts anderes macht als Kängurus (und Dingos) zu erschießen, die dem Vieh das ohnehin spärliche Gras wegfressen. Handyempfang gibt es nicht, das Internetvolumen teilt man sich dort mit der ganzen Farm und das war wohl schon vor 1 Woche aufgebraucht. Strom wird über einen Dieselgenerator produziert, 1x wöchentlich kommt ein Truck vorbei, der den vorher über das Internet bestellten Einkauf vorbeibringt. Beim 70km entfernten Nachbarn kommt der Truck sogar nur zweiwöchentlich, weshalb der Nachbar alle 2 Wochen zu Besuch kommt, um seinen Einkauf abzuholen. Die Kinder bleiben bis zum 12. Lebensjahr auf der Farm, dann gehen sie nach Perth zur Schule und wohnen dort bei der Schwester der Mutter. Wenn wir auch nur sehr kurz dort waren, war der Einblick, bzw. die Erzählung von dem Leben dort sehr faszinierend.
Unterwegs mussten wir hin und wieder kleine Wasserläufe durchqueren, was immer gut klappte, denn sie waren nicht wirklich tief, aber trotzdem matschig.
Hier wollten wir gerade durchfahren, als dieser Waran dort gerade eine Pause einlegte, er verzog sich dann aber:


Die Nächte verbrachten wir dann an der Gascoyne Junction, dem Murchison Settlement und auf einer weiteren Farm, der Gabyon Station.
Von der Gascoyne Junction aus machten wir noch einen kleinen Abstecher in den Kennedy Range Nationalpark, der quasi auf dem Weg lag. Dies ist ein sehr niedrig frequentierter Nationalpark in Westaustralien, wir haben keinen anderen Menschen dort gesehen. Man hat zwar immer einen netten Hintergrund, aber die Spots, die wir uns kurz dort angeschaut haben, waren eher wenig spektakulär.
Temple Gorge im Kennedy NP, sieht aus wie eine Pyramide:
Weiter ging es den Wool Wagon Pathway entlang zum Murchison Settlement: Hier leben 15 Menschen. Es tauchte wieder mal eine Braunschlange auf, die zwei Frauen entdeckten. Es kam das örtliche Multitalent vorbei, der die Schlange aufspürte und einfing. Er kam dann noch zu uns, um uns was über die Schlange zu erzählen, aber er hatte so einen krassen Slang, dass wir beide nicht wirklich etwas verstanden haben:

In dem Murchison Settlement tummelten sich auch einige nette Kakadus. Der obere kann bei Bedarf schöne Federn auf seinem Kopf präsentieren:

Zum Abendessen gab es dann gegrillte Känguru Steaks. Als ich zur Prüfung der Garstufe eines der Steaks anschnitt, kamen sie wieder, die Buschfliegen, sodass das Abendessen kurzerhand wieder in das Auto verlegt werden musste. Begeistert waren wir beide vom Kängurufleisch nicht.
Die Gabyon Station, unserer dritten Übernachtungsstation auf dem Wool Wagon Pathway ist eine Schaaf/Ziegen Farm mit 271.000 Hektar und es geht dort sehr rustikal zu. Die Sanitäranlagen sind mit Sicherheit älter als ich.

Die Stühle stehen direkt vor den Duschen:
Kurz bevor der Orangensaft nach zu dem Zeitpunkt 4700km Spazierfahrt endlich geöffnet wurde und wir zudem feststellen mussten, dass unser Frühstücksbrot verschimmelt ist, entstand dieses Foto:

Von der Gabyon Station fuhren wir wieder in die Zivilisation weiter in den Süden nach Perth. Die letzten zwei Tage verbrachten wir in Perth und haben dort das Swan Valley, ein Weinanbaugebiet besichtigt und den letzten Tag noch morgens am Strand verbracht. Perth ist sicher kein Highlight, es gibt aber auch hässlichere Städte.
Unser Fazit:
Landschaftlich hat es uns super gefallen, man muss die teils karge weite Landschaft und die Einsamkeit mögen, aber genau das haben wir gesucht, denn sonst wären wir an die Ostküste geflogen. Westaustralien ist einfach zu bereisen, die Infrastruktur ist gut und viele Wanderwege sind gut ausgezeichnet. Das Auto war super, wenn auch die Matratze etwas hart war, aber mit einem Geländewagen auch mal Offroad unterwegs zu sein ist eine Freude. Die Walhai-Tour war auch echt gut, wir hatten Glück mit dem letzten Walhai so lange zu schwimmen. Die Einzigartigkeit Westaustraliens hat aber auch manchmal ihren Preis: Die Hitze und manchmal fehlenden Schatten sollte man nicht unterschätzen und die Buschfliegen können manchmal ganz schön nerven, mal sind sie da, mal nicht, jedenfalls ist die Buschfliege für uns das Nationaltier Australiens und nicht das Känguru!










































